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Oktober 21, 2018

Liebe und Gesellschaft / Erich Fromm 6


Bisher haben wir uns mit dem beschäftigt, was zur Aus­übung einer jeden Kunst notwendig ist. Jetzt möchte ich mich der Erörterung jener Eigenschaften zuwenden, die für die Fähigkeit zu lieben von spezifischer Bedeutung sind. Nach allem, was ich über das Wesen der Liebe gesagt habe, ist die Hauptvoraussetzung für die Fähigkeit, lieben zu können, dass man seinen Narzißmus überwindet. Der narzisstisch Orientierte erlebt nur das als real, was in seinem ei­genen Inneren existiert, während die Erscheinungen in der Außenwelt für ihn an sich keine Realität besitzen, sondern nur daraufhin erfahren werden, ob sie für ihn selbst von Nutzen oder gefährlich sind. Das Gegenteil von Narzißmus ist Objektivität; damit ist die Fähigkeit gemeint, Menschen und Dinge so zu sehen, wie sie sind, also objektiv, und in der Lage zu sein, dieses objektive Bild von einem Bild zu tren­nen, das durch die eigenen Wünsche und Ängste zustande kommt. Sämtliche Formen von Psychosen weisen die Un­fähigkeit zur Objektivität in einem extremen Maß auf. Für den Geisteskranken gibt es nur eine Realität, die in seinem eigenen Inneren existiert, die seiner Ängste und Wünsche. Er sieht die Außenwelt als Symbol seiner eigenen Innen­welt, als seine Schöpfung. Genau das trifft für uns alle zu, wenn wir träumen. Im Traum produzieren wir Ereignisse, wir inszenieren Dramen, die Ausdruck unserer Wünsche und Ängste sind (freilich gelegentlich auch unserer Einsich­ten und Beurteilungen), und wir sind, solange wir schlafen, überzeugt, dass das Erzeugnis unserer Träume ebenso real ist wie die Wirklichkeit, die wir im wachen Zustand wahr­nehmen.
Dem Geisteskranken wie dem Träumenden fehlt ein ob­jektives Bild von der Außenwelt vollständig; aber wir alle sind mehr oder weniger geisteskrank, wir alle schlafen mehr oder weniger, wir alle machen uns ein nicht-objektives Bild von der Welt, das durch unsere narzisstische Orientierung entstellt ist. muss ich dafür noch Beispiele anführen? Jeder wird sie leicht entdecken, wenn er sich selbst oder seine Nachbarn beobachtet oder wenn er die Zeitung liest. Der Grad der narzisstischen Entstellung der Wirklichkeit ist da­bei unterschiedlich. So ruft zum Beispiel eine Frau den Arzt an und sagt, sie wolle am Nachmittag zu ihm in die Sprech­stunde kommen. Der Arzt erwidert, er habe an diesem Tag keine Zeit für sie, aber sie könne gern am nächsten Tag zu ihm kommen. Sie sagt darauf: »Aber Herr Doktor, ich wohne doch nur fünf Minuten von Ihrer Praxis entfernt!« Sie begreift nicht, dass es für ihn ja keine Zeitersparnis be­deutet, wenn sie nur einen so kurzen Weg hat. Sie erlebt die Situation auf narzisstische Weise: Weil sie Zeit spart, spart auch er Zeit; die einzige Realität, die es für sie gibt, ist sie selbst.
Weniger extrem – oder vielleicht auch nur weniger offen­sichtlich – sind die Entstellungen, die in den zwischen­menschlichen Beziehungen an der Tagesordnung sind. Wie viele Eltern erleben die Reaktion ihres Kindes nur unter dem Gesichtspunkt, ob es ihnen gehorcht, ob es ihnen Freude macht, ob es ihnen zur Ehre gereicht usw., anstatt zu merken oder sich auch nur dafür zu interessieren, wie dem Kind selbst dabei zumute ist. Wie viele Männer mei­nen, ihre Frau sei herrschsüchtig, nur weil sie aufgrund ih­rer eigenen Mutterbindung jede Forderung ihrer Frau als Einschränkung der eigenen Freiheit empfinden. Wie viele Frauen halten ihren Mann für untüchtig oder dumm, weil er ihrem Phantasiebild eines strahlenden Ritters nicht ent­spricht, das sie sich vielleicht als Kind gemacht haben.

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