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1. Dezember 2020

Liebe und Gesellschaft / Erich Fromm 2


Wie übt man sich in Disziplin? Unsere Großväter wären weit besser in der Lage gewesen, diese Frage zu beantwor­ten. Sie hätten uns empfohlen, morgens früh aufzustehen, keinen unnötigen Luxus zu treiben und hart zu arbeiten. Diese Art von Disziplin hatte jedoch auch ihre offensichtli­chen Nachteile. Sie war starr und autoritär, sie stellte die Tugenden der Genügsamkeit und Sparsamkeit in den Mit­telpunkt und war in vieler Hinsicht lebensfeindlich. Aber als Reaktion auf diese Art von Disziplin besteht heute in zu­nehmendem Maße die Tendenz, jeder Art von Disziplin mit Argwohn zu begegnen und in einem undisziplinierten, trägen Sich gehen lassen einen Ausgleich für die Routine zu suchen, die uns während unseres achtstündigen Arbeitsta­ges aufgezwungen wird. Morgens regelmäßig zur gleichen Zeit aufstehen, sich täglich eine bestimmte Zeit mit Tätig­keiten wie Meditieren, Lesen, Musik hören und Spazieren gehen beschäftigen; nicht über ein gewisses Mindestmaß hinaus Ablenkung durch Kriminalromane und Filme su­chen und nicht zu viel essen und trinken, das wären einige auf der Hand liegende Grundregeln. Wesentlich ist jedoch, dass man Disziplin nicht wie etwas übt, das einem von au­ßen aufgezwungen wird, sondern dass sie zum Ausdruck des eigenen Wollens wird, dass man sie als angenehm emp­findet und dass man sich allmählich ein Verhalten ange­wöhnt, das man schließlich vermissen würde, wenn man es wieder aufgeben sollte. Es gehört zu den bedauerlichen Aspekten unserer westlichen Auffassung von Disziplin (wie übrigens von jeder Tugend), dass man sie für recht mühsam hält und dass man meint, sie könne nur etwas »Gutes« sein,wenn sie einem schwer fällt. Der Osten hat schon vor langer Zeit erkannt, dass das, was dem Menschen gut tut – seinem Körper und seiner Seele -, ihm auch angenehm sein muss, auch wenn zu Anfang einige Widerstände zu überwinden sind.

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