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Dezember 15, 2018

Liebe und Gesellschaft / Erich Fromm 8


Steht Glaube notwendigerweise im Gegensatz oder ist er geschieden von Vernunft und rationalem Denken? Wenn man das Problem des Glaubens auch nur ansatzweise ver­stehen will, muss man zwischen dem rationalen und dem ir­rationalen Glauben unterscheiden. Unter einem irrationa­len Glauben verstehe ich einen Glauben (an eine Person oder eine Idee), bei dem man sich einer irrationalen Autori­tät unterwirft. Im Gegensatz dazu handelt es sich beim ra­tionalen Glauben um eine Überzeugung, die im eigenen Denken oder Fühlen wurzelt. Rationaler Glaube meint jene Qualität von Gewissheit und Unerschütterlichkeit, die un­seren Überzeugungen eigen ist. Glaube ist ein Charakter­zug, der die Gesamtpersönlichkeit beherrscht, und nicht ein Glaube an etwas ganz Bestimmtes.
Rationaler Glaube ist im produktiven, intellektuellen und emotionalen Tätigsein verwurzelt. Der rationale Glau­be ist eine wichtige Komponente des rationalen Denkens, in dem er angeblich keinen Platz hat. Wie kommt beispiels­weise der Wissenschaftler zu einer neuen Entdeckung? Macht er zunächst ein Experiment nach dem anderen, trägt er Tatsache um Tatsache zusammen, ohne eine Vision da­von zu haben, was er zu finden erwartet? Nur selten ist auf irgendeinem Gebiet eine wichtige Entdeckung auf solche Weise gemacht worden, genauso wenig wie man zu wichti­gen Schlussfolgerungen kommt, wenn man lediglich seinen Phantasien nachjagt. Der Prozess kreativen Denkens be­ginnt in allen Bereichen menschlichen Bemühens oft mit etwas, das man als eine »rationale Vision« bezeichnen könnte, welche selbst das Ergebnis beträchtlicher vorausge­gangener Studien, reflektierenden Denkens und vieler Be­obachtungen ist. Wenn es einem Wissenschaftler gelingt, genügend Daten zusammenzutragen oder eine mathemati­sche Formel aufzustellen, die seine ursprüngliche Vision in hohem Maß plausibel macht, dann kann man von ihm sa­gen, es sei ihm gelungen, eine vorläufige Hypothese aufzu­stellen. Eine sorgfältige Analyse der Hypothese und ihrer Implikationen sowie die Sammlung neuer Daten, welche sie unter bauen, führt dann zu einer adäquaten Hypothese und schließlich vielleicht zur Einordnung dieser Hypothese in eine umfassende Theorie.
Die Geschichte der Wissenschaft ist voller Beispiele für den Glauben an die Vernunft und für solche Visionen der Wahrheit. Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton waren alle erfüllt von einem unerschütterlichen Glauben an die Vernunft. Für diesen Glauben starb Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen, und seinetwegen wurde Spinoza ex­kommuniziert. Bei jedem Schritt von der Konzeption einer rationalen Vision bis zur Formulierung einer Theorie braucht man Glauben: Glauben an die Vision als einem ver­nünftigen Ziel, das sich anzustreben lohnt, Glauben an die Hypothese als einer wahrscheinlichen und einleuchtenden Behauptung und Glauben an die schließlich formulierte Theorie – wenigstens so lange, bis ein allgemeiner Konsens bezüglich ihrer Validität erreicht ist. Dieser Glaube wurzelt in der eigenen Erfahrung, im Vertrauen auf das ei­gene Denk-, Beobachtungs- und Urteilsvermögen. Wäh­rend der irrationale Glaube etwas nur deshalb für wahr hinnimmt, weil eine Autorität oder die Mehrheit es sagt, ist der rationale Glaube in einer unabhängigen Überzeugung verwurzelt, die sich auf das eigene produktive Beobachten und Denken, der Meinung der Mehrheit zum Trotz, grün­det.
Denken und Urteilen sind nicht die einzigen Bereiche, in denen der rationale Glaube eine Rolle spielt. In der Sphäre der menschlichen Beziehungen ist Glaube ein unentbehrli­cher Bestandteil jeder echten Freundschaft oder Liebe. »An einen anderen glauben« heißt soviel wie sich sicher sein, dass der andere in seiner Grundhaltung, im Kern seiner Per­sönlichkeit, in seiner Liebe zuverlässig und unwandelbar ist. Damit soll nicht gesagt sein, dass jemand nicht auch ein­mal seine Meinung ändern dürfte, doch sollte seine Grund­haltung sich gleich bleiben. So sollte zum Beispiel seine Achtung vor dem Leben und der Würde des Menschen ein Bestandteil seiner selbst und keiner Veränderung unter­worfen sein.
Im gleichen Sinn glauben wir auch an uns selbst.

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